70 Jahre Kulturverein Birkenau

Gegründet als Verkehrs- und Verschönerungsverein

Die 70jährige Geschichte des Vereins spiegelt in ihren wechselnden Angeboten den Geist einer sich ändernden Zeit wieder.

1949  wurde der Verein als Verkehrs- und Verschönerungsverein gegründet.
Die Wunden des 2. Weltkriegs waren noch nicht verheilt. Wohnraumbeschaffung, Versorgung des täglichen Bedarfs und wirtschaftlicher Wiederaufbau waren die Themen, die die Menschen umtrieben.
Dennoch gab es in Birkenau eine Gruppe, die nicht nur an die eigene Existenz dachte, sondern voller Idealismus auch an ihren Ort, ihre geliebte Umgebung. Sie wollten Birkenau zur Perle des Odenwalds machen.

Die Hauptaufgaben des Vereins wurden dabei so festgelegt:
Markierung von Wanderwegen
Aufstellen von Bänken
Erstellung von Prospekten
Werbung für Birkenau als Urlaubsort.
Werbung zwecks Bereitstellung von Privatzimmern.

Bruno Sonnen war der Motor dieser Gruppe und erster Vorsitzender des Vereins. Doch er hatte noch weitergehende Pläne. Birkenau hatte einen herrlichen Schlossgarten. Hier sollten Schlossgartenspiele mit international anerkannten und berühmten Künstlergruppen auftreten und Birkenau in ganz Deutschland bekannt machen. Der Baron war einverstanden.
So starteten 1953 die Schlossgartenspiele mit den Wiener Sängerknaben. Danach folgten
1954 das Große Ballett des Landestheater Darmstadt,
1955 das Kurpfälzische Kammerorchester Ludwigshafen und
1956 das Jugoslawische Nationalballett Belgrad.
Außerdem wurden enorme Anstrengungen mit viel Fantasie unternommen, um Birkenau attraktiver zu machen: Blumenwettbewerbe, Höflichkeitswettbewerbe „Höfliche Birkenauer“, die ganze Bevölkerung wurde mit einbezogen, alle Birkenauer „Motorisierte“ wurden aufgefordert, Feriengäste auf Kurzstrecken kostenlos mitzunehmen, Bücherei und Leseraum wurde eingerichtet, eine Grillhütte gebaut, später wurde mit Hilfe des Regierungsbaumeisters Otto Seile erreicht, dass mehr als 80 Sonnenuhren an Birkenauer Häusern angebracht wurden, so dass Birkenau den Namen „Dorf der Sonnenuhren“ erhielt  und, und, und... 

1967  wurde Birkenau „staatlich anerkannter Erholungsort“.
Doch obwohl die Schlossgartenspiele gut besucht waren, war man in der Bevölkerung geteilter Meinung und viele Bürger vertraten die Auffassung, dass sie für den kleinen Odenwald-Ort eine Nummer zu groß seien, die Zuschüsse der Gemeinde wurden gestrichen und Bruno Sonnen trat zurück.
Während die Aktivitäten des Vereins bei der Verschönerung des Ortes für den Fremdenverkehr kontinuierlich weiter liefen, wurde doch die Kulturarbeit vermisst. So wurde 1959 in einer Mitgliederversammlung einstimmig die „Übernahme der Kulturarbeit“ in den Verein beschlossen. Man hoffte auf diese Weise, neue Mitglieder werben zu können.

Die Umbenennung 1959  in Verkehrsverein und Kulturgemeinde  war eine logische Folge davon. Der Vorstand wurde erweitert und ein „Beauftragter für Kulturarbeit“  gewählt. Nicht eine Großveranstaltung im Jahr, sondern Kulturarbeit im Rahmen der Erwachsenenbildung stand jetzt auf dem Programm mit Vorträgen, Filmabenden, Konzerten, Theaterfahrten nach Mannheim und Ludwigshafen und Fortbildungskursen.
Erstaunliche Spannbreite hatten die Themen der Vorträge. Neben Reiseberichten in die ganze Welt und Themen der Heimatgeschichte, berichteten Ärzte über Herz- und Kreislaufkrankheiten, und wann ein Mensch betrunken sei, weitere Themen waren „Vogelparadiese der Bergstraße“ „Ursachen und Auswirkungen von Verkehrsunfällen“, „Astronomie und Weltraumfahrt“ , „Elektrizität, was ist das“ und bei den Themen in Psychologie, Pädagogik und Problemen des Alltags hätte der Abend im Jahr 1961 „Die Eltern waren ahnungslos“ ein Abend für Eltern mit Kindern in der Pubertät - nach den Gewalttaten Jugendlicher in letzte Zeit doch auch heute große Aktualität.

Ein großer Verdienst des Vereins war es, Zeitströmungen und Bedürfnisse der Bürger zu erkennen und ins Programm aufzunehmen. So erklärt sich auch die Veränderung seiner Schwerpunkte. Wurde das Aufgabengebiet zu groß, um es ehrenamtlich zu bewältigen, mussten mit der Gemeinde neue Wege gesucht werden, denn viele Initiativen des Vereins gehörten eigentlich in das Aufgabengebiet der Kommune. So ging in den 70er Jahren die Gemeindebücherei in die Verwaltung der Gemeinde über, ein Verkehrsamt Birkenau wurde eingerichtet und eine Kreisvolkshochschule für die Erwachsenenbildung des Kreises Bergstraße wurde gegründet.
Im Bereich Fremdenverkehr unterstützte der Verein nur noch die Gemeinde bei vielen Veranstaltungen und Aktivitäten, z. B bei der 1973 eingeführten Sport- und Kulturwoche. Die Kulturarbeit rückte immer mehr in den Vordergrund des Vereins und wurde auch immer anspruchsvoller. Ab 1986 genügte es den Birkenauern nicht mehr, nur Reiseberichte anzuschauen. Unter der Leitung von Werner Helmke wurde nun jedes Jahr eine Kulturfahrt in andere Länder und andere Erdteile unternommen.

Kultur rückte an die erste Stelle, wieder war eine logische Folge, dass der Verein
1990  in „Kultur- und Verkehrsverein“ umbenannt wurde. Neue Vorstände mit viel Elan und neuen Ideen stürzten sich in diese Aufgabe. Literatur, Kunst und Musik waren die neuen Schwerpunkte. Christina Riegger führte Büchervorstellungen mit Neuerscheinungen der Frankfurter Buchmesse ein und Aloisia Föllmer  erklärte die moderne Kunst mit Kunstvorträgen und Besichtigungsfahrten, Brigitte Böttcher führte neue Kurse ein, nach denen Nachfrage bestand, die aber von der VHS nicht angeboten wurden, wie Kulturkreise, Kreativkurse in Seidenmalen und Töpfern, Englisch-Konversationskurse, Presse-Gesprächskreise und Tanzkurse.
Bei den Angeboten in Musik erhielten die musikalischen Abende mit Musikgruppen in einheimischer und auswärtiger Besetzung durch Beate Angenendt und Brigitte Böttcher eine Erweiterung. Sie führten Musikkurse für Kinder ein und veranstalteten verschiedene Kinder-Musik-Theater und Kinder-Musicals, an denen mehr als 100 Kinder beteiligt waren, führten einen Musikwettbewerb für Kinder und Jugendliche durch mit 80 Bewerbern und einem anspruchsvollen Abschlusskonzert der Preisträger. Diese Musik- Kurse, die von mehr als 100 Kindern besucht wurden, waren 1992 die Voraussetzung dafür, die von  Bgm. Albert Kanz gewünschte Gründung der Jugendmusikschule Überwald-Weschnitztal zu verwirklichen.
Durch Unterstützung des Musiker-Ehepaars Peter und Elke Krebs konnten insgesamt 25 Benefiz- Kammerkonzerte für die Renovierung der ev. Kirche Birkenau mit hochkarätigen internationalen Musikern durchgeführt werden, die in einem „Langen Abend der Künste“  mit Musik, Literatur und Kunst ihren Abschluss und Höhepunkt fanden.

Die Englischkurse von Elisabeth Lämmle-Dieter gaben 1993 den Anstoß für Theater-Aufführungen in englischer Sprache mit dem White-Horse-Theatre  im Vereinshaus, die den Kultur- und Verkehrsverein in der gesamten Region bekannt machten. Englische Schauspieler gaben den Zuhörern die Möglichkeit, englische Theaterstücke in ihrer Originalsprache zu erleben. Dreizehn Jahre lang spielte diese englische Theatergruppe jährlich abwechselnd ein klassisches und ein modernes Theaterstück. Die Nachfrage war überwältigend, von Bensheim bis Heidelberg, von Viernheim bis Wald-Michelbach kamen die Besucher.

Musik-Kabarett- und Theateraufführungen an ungewöhnlichen Orten wurden eingeführt. Familie Kellner ermöglichte jährlich eine Aufführung im romantischen Innenhof des Hasselhofs unter dem Namen „Kultur im Hasselhof“. Walter Renneisen, Xangpur, der Odenwälder Chanty-Chor, Hans-Peter Schwöbel, Adax Dörsam und das Bensheimer Chansontheater „forte piano“ waren da zu bewundern und stärken konnten sich die Besucher mit Odenwälder Spezialitäten.
Seit einigen Jahren gibt es auch „Jazz im Gewächshaus“ bei Blumen-Adrian.

Ein Bereich, der in Birkenau nur dem Kultur- und Verkehrsverein vorbehalten blieb, war die Heimatgeschichte. Das Wamboltsche Archiv, zu dem unser Vorstandsmitglied Günter Körner Zugang hatte, war eine reichhaltige Quelle für Heimatforscher. Viele Anekdoten konnte man erfahren und Werner Helmke schaffte es auch, diese in die Weltgeschichte einzubinden.

Doch Vorträge genügten den ehrgeizigen Plänen der Vorstandsmitglieder nicht.
1995 wurde zur 1200 Jahrfeier Birkenaus die erste historische Revue unter Leitung von Werner Helmke durchgeführt, eine Revue, in der mit Bildern, Texten und Musik 1200 Jahre Birkenauer Geschichte lebendig wurden. 2002 zur 450Jahrfeier des Alten  Rathauses wurden historische Szenen in und um das Alte Rathaus aufgeführt. Moritaten über Birkenauer Menschen, die in der Vergangenheit kleine oder große Rollen gespielt hatten, wurden aufgeschrieben und an Historischen Märkten, die seit 1995 alle 5 Jahre durchgeführt werden, in historischer Kleidung aufgeführt.
Die erste Historische Revue war so erfolgreich, dass 1998 eine Revue zur 150jährigen Wiederkehr der Revolution 1848/49,-  2005 die Berlin-Revue „Das ist der Zauber von Berlin“ und - 2008 die „Berlin-Revue 2“   folgten, sowie zwei literarische Revuen unter Leitung von Christina Riegger  „Sonx und Szenen von Kurt Tucholsky“, und „Es wechseln die Zeiten“, Texte und Lieder von Bertold Brecht. Ihre hohe Qualität erhielten diese Revuen durch Mitglieder der a-capella Gesangsgruppe „Xangpur“ unter der Leitung von Uli Helmke.

Nachdem der Fremdenverkehr in Birkenau nicht mehr eine so große Rolle spielte und die Gemeinde das Verkehrsamt auflöste, war die letzte Namensänderung angesagt:
2006  wurde einstimmig in der Mitgliederversammlung beschlossen, dass der Verein seinen Aktivitäten entsprechend Kulturverein Birkenau e.V. heißen soll.

Zusätzlich zum Kulturprogramm für Erwachsene wurde überlegt, wie Kinder und Jugendliche positiv an Kultur und Forschung herangeführt werden können. Seit dem Jahr 2005 bietet der Kulturverein unter der Leitung des Vorstandsmitglieds Ulrike Arnold gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen der Birkenauer Gemeinde-Bücherei kreative Vorlesenachmittage zu Ostern für sechs- bis siebenjährige Kinder an und im Herbst „Bücher und Kreatives“ für acht bis zehnjährige Kinder.
2006 startete der Kulturverein mit Forscherferien für 8 bis 9jährige Kinder, die während der Sommerferien eine Woche lang nachmittags stattfinden. Die kleinen Forscher führen viele Versuche durch, die sie gemeinsam auswerten. Ein vielseitiges Forschungsprogramm ist zu bewältigen. Fragen zu den Elementen Feuer – Wasser – Erde – Luft, die Kraft der Sonne und warum Lärm für die Ohren schädlich ist, werden behandelt.  Physikalische Experimente zu Magnetismus und den Hebelgesetzen  werden durchgeführt, Raketenautos gebaut, auf Ausflügen und mit dem Ökomobil die Natur erforscht, Zeitreisen in die Erdgeschichte unternommen und, und, und…
Drei Vorstandsmitglieder unterstützen die Fachreferenten an allen Tagen. Die Leitung der Forscherferien hat Mathilde Haak übernommen.

Alle diese Aktivitäten stießen auf große Resonanz bei der Birkenauer Bevölkerung, so dass die Mitgliederzahlen, die von 1970 bis 1985 leicht rückläufig waren, ab dem Jahr 1985 von 150 Mitglieder auf heute über 400 Mitglieder anstiegen.

In den 70 Jahren wurden die Geschicke des Vereins von insgesamt 7 Vorsitzenden geleitet:
Bruno Sonnen, Friedrich Reinhard, Georg Schanz, Käthe Kaiser, Willi Flemming, Werner Helmke, Albert Kanz und Brigitte Böttcher.

Aber das vielfältige kulturelle Angebot an die Birkenauer ist nur deshalb möglich, weil sich viele einzelne Vorstandsmitglieder persönlich engagieren, um dann gemeinsam  aus den Vorschlägen ein immer wieder neues sich wandelndes Kulturprogramm für die Bevölkerung anzubieten, das den jeweiligen Zeitströmungen gerecht wird.